Die kommenden Tage

Geschrieben von Ben am 09. November 2010

RAF meets Apocalypse Now: in seinem neuen Kinofilm schildert Lars Kraume die Lebenswege zweier Schwestern, von denen sich eine für das private Liebesglück und die andere für den Terrorismus entscheidet. Mit seiner düsteren Zukunftsvision, in der sich die Stars der deutschen Filmszene die Klinke in die Hand geben, zeigt Kraume zudem, dass auch in Deutschland gute Science-Fiction-Filme gedreht werden können.

Science-Fiction Made in Germany

Eine der bedeutsamsten Utopien der Filmgeschichte ist noch immer “Metropolis”. In diesem monumentalen Stummfilm-Klassiker entwarf Fritz Lang im Jahr 1926 seine Vision der Welt im Jahr 2026. Nun versucht der Regisseur Lars Krumme, bekannt durch Filme wie “Keine Lieder über Liebe” und diverse Tatort-Produktionen, mit seiner Schilderung der Zukunft in die wahrlich großen Fußstapfen Fritz Langs zu schlüpfen. “Die kommenden Tage” wird zwar nicht in ähnlicher Manier als Meilenstein in die Filmgeschichte eingehen. Jedoch ist Kraume mit diesem Drama ein durchaus sehenswerter deutscher Science-Fiction-Film gelungen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist eine Berliner Mittelstandsfamilie, die zu zerbrechen droht. Laura Kuper (Bernadette Heerwagen) möchte nach Beendigung ihres Studiums mit ihrer großen Liebe Hans (Daniel Brühl) eine eigene Familie gründen. Da Hans jedoch nicht zeugungsfähig ist, steht sie vor einer schwierigen Entscheidung: aus Liebe zu Hans ihren Kinderwunsch aufgeben oder mit Hilfe von Kontaktanzeigen nach einem neuen potentiellen Vater ihrer Kinder suchen. Ihre Schwester Cecilia (Johanna Wokalek) flüchtet sich aufgrund von Beziehungsproblemen mit Christian (August Diehl) zunehmend in terroristische Aktivitäten. Das jüngste Mitglied der Familie, Philip, zieht in den vierten Golfkrieg, in dem um die weltweit letzten Ölreserven gekämpft wird. Als sich Laura schließlich mit dem Freund ihrer Schwester einlässt und von diesem schwanger wird, gerät die heile bürgerliche Welt der Familie Kuper vollständig aus den Fugen.

Düsterer Blick in die Zukunft

Die Geschichte spielt in naher Zukunft: im Jahr 2020 ist die Europäische Union zerbrochen, rund um Europa entstehen Festungsmauern, die nur durch wenige Übergänge nach außen führen. Die Zivilisation zerfällt allmählich, in den gewalttätigen Kämpfen zwischen Polizei und Demonstranten werden auch die Gegensätze zwischen Arm und Reich sichtbarer denn je. Terroristische Gruppe, die an die RAF der 70er Jahre erinnern, treiben die Destabilisierung der Gesellschaft zusätzlich voran.

Nach seiner erfolgreichen Dokumentation über die fiktive Band “Hansen” widmet sich Kraume mit diesem Kinoprojekt wieder dem klassischen Spielfilm. Von der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen (Familie) über die Ausbeutung der Dritten Welt bis hin zu den bewaffneten Konflikten um die letzten natürlichen Ressourcen vereint Kraume verschiedene politische und soziale Motive in einen Film, der mit einer für das deutsche Kino eher seltenen Bildgewalt eine pessimistsiche Vision von der nahen Zukunft unserer Gesellschaft zeigt.

Zuletzt geändert am 09. November 2010.

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